Leipziger Architektur – ein buntes Allerlei
Wer die Stadt Leipzig zum ersten Mal besucht, mag etwas verwundert sein. Die Gebäude im Stadtzentrum zeigen ein wenig harmonisches Bild. Eine schöne Stadt, ja. Aber soviel durcheinander bei den Häusern.
Da ein Renaissancebau, dort eine prächtige Barockfassade, dazwischen Gebäude aus dem Historismus und Jugendstil, Bauten aus der DDR und moderne Neubauten. Ein kunterbuntes Sammelsurium, Leipziger Allerlei eben.
Genau das ist das Besondere an der Innenstadt von Leipzig. Wer die Architektur der Stadt verstehen will, muss sich mit der Stadtgeschichte beschäftigen.
Leipzig, das ist die Stadt des Handels, der Messe, des Pelzgewerbes. Leipzig ist aber auch die Stadt der Kriege, der Zerstörung. All das hat das Stadtbild über Jahrhunderte geprägt. Aus der mittelalterlichen Stadt wurde im 16. Jahrhundert eine prächtige Renaissancestadt – Altes Rathaus, Alte Waage und einige Bürgerhäuser in der Hainstraße künden von der ersten Blütezeit Leipzigs.
Die Bürger der nun wichtigsten Messestadt im Heiligen Römischen Reich wollten im 18. Jahrhundert der Residenzstadt Dresden nacheifern und gaben ihrer Stadt ein barockes Gesicht – Romanushaus, Alte Handelsbörse und einige Häuser in der Katharinenstraße blieben erhalten.
Um 1900 wurde Leipzig Weltmessestadt, die Leipziger erfanden die Mustermesse und machten das, was sie am liebsten gemacht haben – sie rissen erst einmal ihre halbe Innenstadt ab und bauten sich prächtige Messehäuser und Messepaläste – Reichshof, Specks Hof, Zentralmessepalast, Petershof, Mädler-Passage und Handelshof.
Mit der Industrialisierung wuchs Leipzig zur Großstadt. Die Bauten der Zeit zwischen 1870 und 1914 prägen das Bild der Stadt bis heute am meisten. Mit dem Waldstraßenviertel entstand eines der schönsten Gründerzeitviertel Deutschlands, Bank- und Versicherungsbauten entstanden am Innenstadtring. Stadt und Staat wollten nicht nachstehen. Die Leipziger Räte ließen sich das nach Fläche viertgrößte Rathaus Europas bauen, der Staat baute den zweitgrößten Staatsbau Deutschlands in Leipzig – das Reichsgericht.
Der Zweite Weltkrieg löschte vieles aus. Die Ideologen nach dem Krieg nahmen auch wenig Rücksicht. Bauten, die den Krieg beschädigt oder gar unzerstört überstanden hatten, wurden beseitigt. Paulinerkirche, Universität, Neues Theater, Bildermuseum, Altes Gewandhaus. Es schmerzt heute noch, die Bilder des verlorenen Leipzigs zu sehen.
Es wurde wiederaufgebaut. Es musste ja weiter gehen, die Messe musste ja weiter gehen. Ein neues Stadtzentrum sollte entstehen, ein sozialistisches. Der Augustusplatz erhielt ein neues Gesicht und am Brühl entstand gleich ein ganz neues Stadtzentrum mit dem bei den Leipzigern sehr beliebten Sachsenplatz. Den sucht man heute vergeblich. Nach 1990 besann sich die Stadt darauf, den alten Stadtgrundriss zu reparieren und der Sachsenplatz musste dem Museum der bildenden Künste weichen.
Mehr passierte in der Leipziger Innenstadt nicht. Die meisten historischen Gebäude verfielen. Mancher, nach dem Krieg entstandener Notbau stand 1990 immer noch. Leipzig war 1990 eine Stadt, die von Leerstand und Verfall geprägt war.
In den 1990er Jahren konnte man in Leipzig erahnen, was es heißt, eine Stadt aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Kran neben Kran, Baustelle neben Baustelle. In zwanzig Jahren wurde in die Leipziger Innenstadt einmal umgekrempelt. Die Kriegslücken verschwanden, manches DDR-Gebäude verschwand, manches alte Gebäude verschwand und wurde mit neuer alter Fassade wieder hingestellt.
Leipzig hat einen verborgenen Schatz – seine Höfe und Passagen. Verlässt man die Straßen und geht in die Tordurchfahrten und Eingänge ist man erstaunt. Hinter den prächtigen Fassaden verbirgt sich manch prächtiger Hof, Durchgang oder Passage – Steibs Hof in der Nikolaistraße mit dem Aufzug, mit dem die Bündel mit den Fellen einst ins Dachgeschoss gezogen wurden, glasierten Klinkern und Bleiglasfenstern oder das Haus zur Goldenen Hand mit einem Innenhof, der eher an ländliche Idylle erinnert oder gleich gegenüber der Durchgang im Zeppelinhaus.
Baulücken wurden nach 1990 modern geschlossen – die Leipziger bauen nichts Altes wieder auf. In der Strohsackpassage gleich an der Nikolaikirche wurden Pilzsäulen aus Metall aufgestellt, die drei Höfe in Specks Hof wurden von Künstlern gestaltet. Die Mädlerpassage mit den Figuren an Auerbachs Keller ist natürlich das Muss bei einem Leipzig-Besuch.
Leipzig ist eine Stadt, wo man mal reingehen muss. In die Nikolaikirche z.B., außen eher schlicht, innen aber oho. Den Leipziger gefiel Ihre Kirche kurz vor 1800 nicht mehr und so ließen sie sich einen der schönsten Kirchenräume des Klassizismus in Deutschland bauen. Das Kontrastprogramm bietet die Thomaskirche. Außen stattlich, innen eine schlichte Klosterkirche. Bach hat die Thomaskirche so übrigens nicht gesehen, denn im 18. Jahrhundert wurde sie prächtig barock umgestaltet. Doch dann kam der Historismus.
Im Bosehaus, das heute das Bach-Archiv beherbergt, findet man Leipzigs einzige Hofdurchfahrt mit toskanischen Säulen. Barthels Hof – der letzte erhaltene Durchgangshof der Leipziger Warenmesse mit dem schönsten und ältesten Erker Leipzigs. Marktgalerie, Kleiner Joachimsthal, König-Albert-Haus, Jägerhof, Fregehaus – die Liste lässt sich fortsetzen. Um die 30 Höfe, Passagen und Durchgänge gibt es in der Innenstadt. Aber Vorsicht – nicht verlaufen.
Leipzig – das sind 800 Jahre Baugeschichte auf gerade einmal 50 Hektar Fläche. Gotik neben DDR-Plattenbau, Renaissance neben klassischer Moderne, Barock neben moderner Kaufhausarchitektur und die Paulinerkirche ist auch wieder da, wenn auch anders – eben Leipziger Allerlei.
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Author: Mirko Seidel am 15. Juni 2026 14:21, category: Stadtgeschichte, Allgemein, Architekturrundgang, Stadtrundgang Leipzig, comments per feed RSS 2.0, comments closed.

















